Orchestrions

Das Orchestrion gehört zu den mechanischen Musikinstrumenten. Es kann ein komplettes Orchester imitieren und ging aus der seit der Mitte des 18. Jahrhundert in grösserem Umfang produzierten Spieluhr hervor. Das Konzertorchestrion war für das Spiel in den Salons der Hautevolee und den Hallen grosser Hotels konzipiert und spielte Musik wie Beethoven-Symphonien, Opern-Ouvertüren, aber auch Märsche und Tanzmusik.

 


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Welteorchestrion 1862
WelteOrchestrion1845
First Musical Clock

Die etwa gleichzeitig aus der Drehorgel entwickelte Straßen- oder Jahrmarktsorgel imitierte eine Blaskapelle oder ein Tanzorchester und war auf Jahrmärkten, auf Volksfesten und in Tanzsälen zu finden.

Anfangs wurden Orchestrien mit Gewichtsantrieb oder Kurbel, gelegentlich auch mit Dampfmaschine, Gasmotor oder Wassermotor angetrieben. Später wurden sie meist mit einem Elektromotor ausgestattet. Die Musik wurde anfangs mit einer Stiftwalze aus Holz, später durch gelochte Scheiben oder Kartonstreifen auf das Instrument übertragen.

Die erstmalige Verwendung der Bezeichnung Orchestrion wird dem 1851 von dem Dresdner Friedrich Theodor Kaufmann erfundenen automatischen Musikinstrument zugeschrieben, welches als erstes ein ganzes Orchester simulierte.

Von 1845–1848 baute der Vöhrenbacher Spieluhrenbauer Michael Welte ein Musikwerk für einen unbekannten Käufer in Odessa, das sämtliche Orchesterstimmen imitieren soll.

Berühmt wurde das 1862 von Michael Welte auf der Weltausstellung in London ausgestellte Instrument, dem von der Presse die Bezeichnung Orchestrion gegeben wurde und dessen Abbildung in zahlreichen Nachschlagewerken als Beispiel für die gesamte Instrumentengattung verwendet wurde.

1883 liess die Freiburger Firma M. Welte & Söhne (Michael Welte war 1872 von Vöhrenbach nach Freiburg im Breisgau umgezogen) ein Verfahren patentieren, das die Steuerung der Orchestrien durch gelochte Papierstreifen – die sogenannte Notenrolle – steuerte und innerhalb weniger Jahre die Stiftwalze ablöste. Zwei weitere Patente von 1889 (DRP 48.741 und 58.252) verbesserten das Verfahren entscheidend. Von da an stellte Welte die gesamte Produktion auf die Notenrolle um, weitere Firmen folgten.

1905/1906 stellte die Mills-Novelty-Company in Chicago, USA, das erste Orchestrion mit einer integrierten Geige vor. Dieses Instrument, die Automatic Virtuosa, hatte im Oberteil eine liegend eingebaute Geige, die Saiten wurden durch vier sich drehende Zelluloid-Scheiben gestrichen. Ab 1909 gab es ein verbessertes Modell, die Violano-Virtuoso. Diese wurde in verschiedenen Varianten bis etwa 1930 hergestellt.

Außer der Mills Novelty Company gelang es nur noch der Ludwig Hupfeld AG in Leipzig ein Orchestrion mit Geige zu bauen. Auf der dortigen Herbstmesse 1908 stellte sie den Prototypen eines Geige spielenden Orchestrions vor, die Hupfeld Phonoliszt-Violina. Dies war ein mit einem Reproduktionsklavier vom Typ Hupfeld-Phonoliszt gekoppeltes Geigen-Orchestrion. Es spielte mit einem Rundbogen fünf senkrecht im Oberteil des Instrumentes rundum angebrachte Geigen, die vom Klavier begleitet wurden. In der Serienfertigung wurden dann nur drei Geigen eingebaut. Die Phonoliszt Violina wurde von 1909 bis 1930 gebaut.

Durch die Einführung neuer Technologien wie des Rundfunks und der elektrischen Schallplattenspieler um 1926 brach der Verkauf von Orchestrien weltweit ein. Durch die nun billigere und einfachere „elektrische Aufnahme“ von Ton durch das Kohlemikrofon und die Wiedergabe durch Verstärker über Grossserien-Lautsprecher waren die aufwendigen Orchestrien und auch die Grammofone nicht mehr konkurrenzfähig. Innerhalb kurzer Zeit wurde ihre Herstellung weltweit eingestellt.
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