Beckenried St.Heinrich


Disposition der Orgel zu Beckenried

I Hauptwerk C-g3 II Schwellwerk C-g3 Pedal C-f1
Bourdon 16‘ Stillgedackt 16‘ Principalbass 16‘
Principal 8‘ Geigenprincipal 8‘ Violonbass 16’
Bourdon 8’ Liebl.Gedackt 8’ Subbass 16’
Flauto amabile 8’ Quintatön 8’ Echobass 16’
Gamba 8’ Flute harmon. 8’ Cello 8’ TM
Dolce 8’ Viola 8’ Bassflöte 8’ TM
Octav 4’ Aeoline 8’ Aeolsbass 8’ TM
Rohrflöte 4’ Voix celeste 8’ Posaune 16’
Waldflöte 2’ Fugara 4’  
Mixtur 2 2/3’ Traversflöte 4‘  
Trompete 8‘ TR II Harmonia aeth. 2-fach  
  Trompete 8’  
  Euphonia 8’  
  Tremolo  

 

 

Spielhilfen:
Normalkoppeln, Ober-und Unteroctavkoppeln II/I, Oberkoppel II und II/P, Melodiekoppel, Generalkoppel, 2 freie Kombinationen, Zungeneinzelabsteller, Zungenchor, Principal-Chor, Streicherchor, Flötenchor, Auslöser, P, MF, F, FF, Tutti, Walze und Schwelltritt II

 

 

Prospekt Beckenried    Seitenansicht Beckenried    Firmenschild Beckenried    Spieltisch Beckenried    Spielhilfen Beckenried

 

 

Geschichte

1790 wurde der Grundstein der heutigen Kirche gelegt, deren Bau vom Architekten Niklaus Purtscher geleitet wurde. Wegen der Wirren um den Franzosenüberfall zog sich die Bauzeit in die Länge. Die Einweihung fand erst im Jahre 1807 statt.

1820, laut einer Eintragung im Protokoll der Bürgergemeinde, soll die Kirche ihre erste Orgel erhalten haben. Näheres zu diesem Instrument und seinem Erbauer ist nicht bekannt. Wegen den kunsthistorischen Eigenarten wurde angenommen, es könnte sich um ein Projekt von Franz Josef Remigius Bossart handeln. Ein vorhandener Stich ist aber offensichtlich falsch beschrieben. Bei der darauf dargestellten Orgel handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um die Bossart-Orgel in Buochs.

Gesicherte Hinweise auf eine Orgel in der Pfarrkirche Beckenried existieren erst ab 1842. Im Nidwaldner Staatsarchiv finden sich „Prüfungsakten der neuen Orgel in Beckenried vom 31. Augsten/1. Herbstmonat 1842“. Im Kopialbuch mit Eintragungen ab dem Jahre 1828, damals schrieb der Vikar und spätere Pfarrer Andreas Ambauen alle wichtigen Urkunden und Vermögenswerte in das sogenannte Kirchenbuch. Auf den Seiten 352 – 355 befindet sich ein umfangreiches „Zeugnis“ über die neue Orgel in Beckenried. Es ist mit einem ausführlichen „Protokoll über deren Prüfung“ wie folgt ergänzt:

Herr Orgelbauer Silvester Walpen aus Luzern hat in der Pfarrkirche zu Beckenried ein neues Orgelwerk hergestellt, welches dem 31. August und 1. Herbstmonat 1842 vom hochw. Herr P. Leopold Nägelin von St. Urban und Herr J.B. Mollitor, Chordirektor und Organist in Luzern, genau und gewissenhaft geprüft und beurteilt worden ist. Obige zwei Experten haben sich in der am 2. Herbstmonat mitgeteilten Zuschrift dahin ausgesprochen, dass (…) der Ton der Orgel in jeder Erwartung befriedigend sei, kräftig, sogar imponierend in Masse und verständlich in allen Einzelheiten. (…) Die Disposition ist so ausgeführt, dass kein Orgelspieler in Verlegenheit kommen könnte, jeden Anlass mit zweckmässigen Spiele zu begleiten,

• der Principal, die Copel, die Viola da Gamba im Hauptwerk, die Flute Traverso und Dolcian unter den Flöten und der Cornett unter den Füllstimmen zu den gelungenen, ja ausgezeichneten gehören,

• das Pedal sehr kräftig, ohne Gepolter und schnellsprechend sei,

• dass die schöne, solide Bearbeitung der Pfeifen in Zinn und Holz einen Vorzug dieses Orgelbauers beurkunde, der noch dadurch gesteigert werde, weil er sanftere Stimmen vorzüglich zu charakterisieren verstehe, und

• dass endlich auch der mechanische Teil der Orgel fleissige Arbeit zeige und namentlich der Wind vollkommen, ja sogar der freventlichsten Behandlung entsprechen, und setzte noch bei, dass Herr Walpen nicht nur als tüchtigen Kunstkenner sondern auch als rechtschaffener redlicher Mann, der sein gegebenes Wort zu halten weiss und hält, alle nur mögliche Achtung und Empfehlung verdienet.

Namens und auf Auftrag des wohlweisen Kirchenrats unterzeichnet
Andreas Ambauen, Pfarrer, Dr. Amstad p.f. Kirchmeier

 

 

 

Beckenried verfügte also nachweislich über eine Walpen-Orgel!
Weshalb 1890–92 Projekte für einen Orgel-Neubau entworfen wurden, die vorerst jedoch ohne konkrete Folgen blieben, ist unklar. Vermutlich hat der Einzug der damals modernen Technik in allen Belangen des Lebens so wie veränderte Hörgewohnheiten dazu beigetragen, dass die Kirchgemeinde am 3. Mai 1912 den Kauf einer neuen Orgel bei der Firma Goll in Luzern mit 31 Registern auf zwei Manualen und Pedal, beschloss. Das Gehäuse wurde nach einem Entwurf des Beckenrieder Architekten Emil Ambauen gebaut.

Pfingsten 1913: Weihe der Goll-Orgel als Opus 404.
Der Preis dieser Orgel betrug damals samt Gehäuse, fix und fertig montiert und intoniert, jedoch ohne Motor Fr. 16‘400.00. Die elektrische Motorenanlage schlug mit Fr. 1‘080.00 separat zu Buche. Die Anzahl der Pfeifen gab die Orgelbaufirma in einem Schreiben vom 1.April 1913 wie folgt an:

 

 


„wir haben die Zahlen zusammengestellt und beehren uns Ihnen dieselben nachstehend bekannt zu geben“:

Zinnpfeifen: 1412
Zinkpfeifen: 215
Holzpfeifen: 345
Total der Pfeifen: 1972
Die Zahl der Spielhilfen und Registerzüge beträgt 148.

 

 

 

Die Weihe und „Collaudation“ erfolgte am Sonntag, 25. Mai 1913 mit Herrn J. Schefold, Musikdirektor in Rorschach, der des Öfteren in Beckenried seine Ferien verbracht haben soll. Hinweise darüber, ob er die Planung und/oder den Bau der Orgel mitbegleitet hat, finden sich keine.

1940 befand sich das Instrument offenbar in einem sehr schlechten Zustand, so dass sich eine umfassende Sanierung aufdrängte. Die Erklärungen zu den Arbeiten und Erläuterung zur Rechnung der ausführenden Orgelbaufirma Goll ist sehr umfangreich und berichtet unter anderem über „Mehrarbeiten bezüglich Umintonation, nötig da offenbar vorgängig Arbeiten ausgeführt wurden durch „Leute die der Sache überhaupt nicht gewachsen waren“. Auch ist von vielen Schäden berichtet wegen Feuchtigkeitsproblemen an der Kirchenrückwand, etwa viele lose, pneumatische Rohrleitungen und kaputten Holzpfeifen. „Auch die Transmissionsregister waren während der langen Feuchtigkeitsperioden aus Rand und Band gekommen & mussten repariert werden. Hölzerne Pfeifenfüsse waren auch einige so verwurmt, dass sie ersetzt werden mussten. (…). Im Ganzen wurden über 800 Stunden gearbeitet, was à 2 Fr per Stunde plus 415 Fr auswertige Zulagen schon 2019 Fr ausmacht. Dazu kommen noch (…) Material wie Leder & Schrauben etc., so dass wir beim angesetzten Rechnungsbetrag nicht einmal herauskommen (…)“.

 

Offenbar war die Rechnung aber viel höher als der ursprünglich vereinbarte Betrag, das geht aus einem Schreiben vom 18. Dezember 1940 vom Kirchenkassier an das Orgelbaugeschäft Goll hervor: „Sie erhalten heute per Postcheck Fr 1‘200.00 als Teilzahlung Ihrer Rechnung vom 25. November. Was die Rechnung betrifft wird selbe jedenfalls vom Kirchenrat nicht voll anerkannt und er wird selbe noch einer näheren Prüfung unterziehen, bis dahin wollen Sie sich also noch mit weiteren Zahlungen gedulden (…)“

Jedenfalls scheint es, dass die Orgel im Anschluss an diese sehr aufwendige Sanierung während den folgenden rund 30 Jahren weiter ihren Dienst tadellos versah.

Die Baukommission beschloss an ihrer Sitzung vom 17. März 1976 „die Revisionsarbeiten für die alte Orgel der Firma Goll & Cie AG, Luzern zu übertragen. Kosten gemäss Offerte vom 8. März 1976“ (Fr. 29‘610.00). Ob diesem Entscheid der Baukommission reagierte die Kulturförderungskommission am 14. Mai 1976 relativ ungehalten:

 

 

„wie Presseberichten zu entnehmen war, haben sich die zuständigen Instanzen der Kirchgemeinde Beckenried entschlossen, die bisherige Orgel der Pfarrkirche beizubehalten und damit auch den die Raumwirkung sehr stark beeinträchtigenden bisherigen Orgelprospekt weiter zu verwenden(…).Die Kulturförderungskommission bedauert diesen Entscheid sehr, weil ein erneut durchgeführter Augenschein gezeigt hat, dass sich im übrigen der Innenraum ihrer Pfarrkirche nach dem Abschluss der Renovationsarbeiten sehr gut präsentieren wird.“
Die Kulturförderungskommission erlässt die verbindliche Weisung, das bis zu diesem Zeitpunkt naturholzbelassene Orgelgehäuse analog den Altären zu marmorisieren „damit die störende Wirkung des Prospektes im Rahmen gehalten werden kann“.

 

 

 

Das Todesurteil über die Orgel wurde an der Gemeindeversammlung vom 3. November 1973 gesprochen: das Kirchenvolk stimmte dem Projekt zur Innenrenovation der Kirche samt der Erstellung einer neuen Orgel nach reger Diskussion knapp zu. Die Orgelfrage wurde (aus heutiger Sicht glücklicherweise) später nochmals anders formuliert und entschieden. Die Meinung des Volkes und später auch der Baukommission schwappte aber bald auf den Erhalt der bisherigen Orgel um. Und nicht zuletzt dem Herzblut den Organisten Pius Reichlin und Jakob Kobelt für dieses Instrument zu verdanken, dass das Instrument erhalten geblieben ist.
Denn unter den Experten herrschte weiterhin Uneinigkeit in dieser Frage. Das Protokoll der Baukommission-Sitzung vom 9. Dezember 1975 hält unter Punkt 5 folgendes fest:

 

„Die Herren der eidg. Denkmalpflege mit dem eidg. Orgelexperten diskutierten über den Entscheid in Bezug auf die bestehende Orgel ziemlich heftig“. Die Experten widersprachen sich auf allen Ebenen, während dem die Zeit ins Land zog und der Abschluss der Innenrenovation trotz dreimonatiger Verspätung plötzlich nahe rückte. Ein umfassender Bericht des Konsulenten für Orgelfragen der eidg. Denkmalpflege, Jakob Kobelt aus dem Jahre 1975 über die Goll Orgel von 1913 ergab ein objektives Bild über den Zustand und den Erhaltenswert des Instrumentes für die Nachwelt. Dabei erteilte der Konsulent keinerlei Weisungen oder Vorschriften wie weiter vorzugehen sei, sprach sich jedoch klar für den Erhalt der Goll-Orgel aus. „Verschiedene, gewichtige Gründe sprechen für den Erhalt des bestehenden Instrumentes. Die Zahl der vorhandenen, original erhaltenen Orgeln aus der Zeit (…) ist in den letzten Jahren sehr vermindert worden. (…) Die Goll-Orgel ist unverändert erhalten mit dem typischen Klangbild der der spätromantischen Orgel. Sie ist technisch recht gut erhalten was der qualitativ guten Arbeit des Orgelbauers Goll zuzuschreiben ist. (…) Sollte nicht auch ein Instrument wie in Beckenried aus dieser Zeit und mit pneumatischer Traktur erhalten bleiben? (…) Wäre es zu verantworten, ein unverändert erhaltenes Zeugnis einer charakteristischen Zeit des Orgelbaues, das zudem recht gut erhalten ist und funktionstüchtig ist zu vernichten? Zudem wird für die Zukunft nichts präjudiziert. Eine kommende Generation kann immer noch eine Barock-Orgel mit entsprechendem Gehäuse einbauen“.

 

 

Die Revision der Goll-Orgel erfolgte durch die Erbauer-Firma Goll (Beat Grenacher und Jakob Schmidt) im Jahre 1977. Die Orgel erklang in den nächsten 30 Jahren weiterhin zu freudigen Ereignissen wie auch zum Trost in schweren Stunden. Hinweise auf grosse Schäden oder Reparaturen in dieser Zeit sind nicht vorhanden.

Die Revision einer Orgel mit pneumatischer Taschenladen-Traktur mit ihren hunderten, beweglichen Lederteilen ist ungefähr alle 25-30 Jahre notwendig, um ein störungsfreies Funktionieren gewährleisten zu können. Ein Ersatz kaputter Teile ist zwar jederzeit möglich aber jedes Mal mit einem grösseren Arbeitsaufwand verbunden.

Deshalb erfuhr die Orgel im Jahre 2008 eine erneute Generalüberholung durch die Orgelbauwerkstatt Graf aus Sursee. 

Bei weiterhin guter Pflege und optimalem Raumklima wird sie uns als einzigartiges Instrument und Denkmal ihrer Zeit erhalten bleiben. Es gibt nur noch sehr wenige, original erhaltene Orgeln jener Epoche und in dieser Bauart die noch funktionieren und mit ihren einmaligen Klängen auch die Orgelkompositionen aus jener Zeit authentisch wiedergeben lassen.

 
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